Das Laaser Tal finden wir auf der orographisch rechten Seite des Vinschgaus in der Provinz Südtirol (Italien). Es liegt in der Ortlergruppe und gehört zum Nationalpark Stilfser Joch. Zurecht wird das Laaser Tal von der lokalen Bevölkerung als Kleinod bezeichnet: abgelegen, ruhig, schroff und wild zeigt es erst bei näherer Betrachtung seine romantische (liebliche) Seite. Neben dem Laaser Gletscher, den urigen Almen, dem tobenden Laaser Tal Bach (Valdaunbach) und den inpostanten 3000ern wie Laaser, Lify und Hoher Angelus fällt besonders ein weiterer Berg ins Auge – die Jennwand. Interessant, wertvoll und einzigartig macht diesen Berg nicht nur seine äußere Erscheinung (Form und Faltungen) sondern auch sein Inneres – weißer, teils reiner Marmor. Das ‘weiße Gold‘ blieb natürlich nicht unberührt, bereits die Römer nutzten Findlinge für Meilensteinen an der Via Claudia Augusta. Der industrielle Marmorabbau begann Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts und wird bis in die heutige Zeit fortgesetzt. Die Jennwand und der Marmor haben nicht nur für Wanderer, Geo- logen und der Wirtschaft eine große Bedeutung sondern auch für Kletterer. Neben dem Nesselwand ‘Klettergarten‘ (Routenschwierig- keiten 4a – 8b) findet man alpine (Sport)kletterrouten rund um der Jennwand und für ganz Eifrige auch im hinteren Laaser Tal an der Ferner Wand.

Klettern ist viel mehr als nur ein Sport. Draußen sein in der Natur, am Fels, das ist eine Lebenseinstellung.

David Lama

Geschichtliches

An der Jennwand wird bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts geklettert. Der am 13. Juli 1921 erstmals bestiegene Westgrat erfordert in der Schlüsselstelle Kletterfähigkeiten im UIAA-Grad III – mit schwerem Hanfseil und knorrigen Bergschuhen. Routen im Grad UIAA V wurden 1926 im direkten Westgrat begangen und alpine Sportkletterrouten in den 90er Jahren in verschiedenen Schwierigkeiten eröffnet.

Mehr zu erzählen gibt es über den Klettergarten Nesselwand: Anfang der 80er Jahre versuchten die damals noch jungen Kletterer Karl und Berni Tscholl, Steiner Georg und Plörer Stefan einen Riss neben dem Stollenloch mit schweren Schuhen, vielen Nägeln und einer Trittleiter, wie damals üblich, zu bezwingen. Mit dem damaligen Wissen und dem vorhandenen Material war dieses Unternehmen zweifelsohne eine kühne Herausforderung. In der folgenden Zeit geriet die Wand wieder in Vergessenheit, da die Möglichkeiten zum Rissklettern sehr beschränkt waren. Die meisten Kletterlinien findet man an der Nesselwand nur in kompakten Platten, welche mit den damaligen technischen Möglichkeiten äußerst schwierig zu bewältigen waren. Anfang der 90er Jahre wurde die Nesselwand von den Kletterbrüdern Gerd und Roman Schönthaler, Andreas Lechner und später noch von einigen Kletterern aus dem Burggrafenamt wiederentdeckt. Es wurde mit Rücksicht und viel Aufwand ein naturnaher Klettergarten eingerichtet. Den Haupterschließern war es ein Anliegen, Felspotential unerschlossen zu lassen, damit auch zukünftige Generationen noch ihrer Kletterträume verwirklichen können. Um auch Anfänger und Kinder das Klettern in der Nesselwand zu ermöglichen, wurde vom AVS Laas im Sommer 2021 der neue Sektor F erschlossen.

Was so wächst, kreucht und fleucht im Laaser Tal 

Das Laaser Tal bietet einer beachtlichen Vielzahl von Tieren Lebensraum. Dies bestätigt eine von verschiedenen Wissenschaftlern durchgeführte biologische Bestandserhebung (2006-2007 im Auftrag von Lechner Marmor AG), welche 450 Blütenpflanzen und 23 Säugetierarten vorfand. Darunter auch seltene wie Waldspitzmaus, Zwergspitzmaus, Rötelmaus und Schneemaus. Ganz besonders wichtig erscheinen auch die vielen Fledermausarten, wie Wasserfledermaus, Weißrandfledermaus, Rothautfledermaus, Zwergfledermaus und die besonders gefährdete Art der Mopsfledermaus. Außerdem gibt es verschiedene Arten von Bilchen (Siebenschläfer, Baumschläfer) und natürlich alle bekannten größeren Säugetierarten, wie Hermelin, Marder, Dachs, Fuchs, Reh- Gams- und Hirschwild. Eine riesige Zahl an Insektenarten konnte ebenso lokalisiert werden: z.B. 392 Großschmetterlingsarten, 41 Ameisenarten, 185 Arten von Spinnen, 54 Laufkäferarten und 13 Schreckenarten (versch. Heuschrecken und sogar die sibirische Keulenschrecke). Außerdem leben hier noch 46 Schneckenarten und einige Kriechtiere, wie Skorpione, Eidechsen und Schlangen. Neben Steinadler, Uhu und verschiedenen Käuzen ist es wichtig, das Brutgebiet des Wanderfalken zu erwähnen. Insgesamt leben hier 57 Singvogelarten.  Ganz besondere Aufmerksamkeit gehört auch den Bereichen, in denen die Rauhfußhühner (Auerwild, Birkwild, Schneehuhn und Haselhuhn) ihre Lebensräume haben (Waldgrenze, Übergangsbereiche Wald/Weideflächen).  

 Auch die Pflanzenwelt im Laaser Tal ist sehr vielfältig: Im Wald findet man außer hochstämmigen Nadelbäumen (Lärche, Fichte, Zirbe) im Unterwuchs oder als Begleitbäume noch Ebereschen (Vogelbeer), Birken, Weiden und Haselnuss. Ebenso anzutreffen sind ausgedehnte Alpenrosenfluren (Rostrote Alpenrose), Wurmfarn und andere Farne, wie z.B. den Tüpfelfarn mit seinem sehr süßen Inhaltsstoff „Osladin“ (bekannt auch als Engelsüß). In waldfreien oder waldärmeren Bereichen, wie Lawinenstrichen, aber auch im Wald selbst, trifft man auf Heidelbeere (vom Rotwild kurzgehalten), Preiselbeere, Rauschbeere (Moosbeere), Bärentraube (Mehlbeere) und Krähenbeere. An der orografisch rechten Talseite, im Bereich des Weißwasserbruchs und der Nesselwand, also dort wo die Hauptvorkommen der Marmore liegen, findet man den sonst seltenen kalkliebenden Schwalbenwurz-Enzian. In diesen Bereichen, und etwas seltener im ganzen Laaser Tal, findet man Edelweiß und die Edelraute, die übrigens wie alle Blütenpflanzen geschützt sind. Viele Enzianarten sind im Tal häufig vorzufinden, besonders am sonnenseitigen Hang, wobei der getüpfelte Enzian, der Schneeenzian und der gefranzte Enzian als Rarität hervorzuheben sind. In schattigen Lagen, wo es etwas feuchter ist, besonders dort wo der Schnee länger liegen bleibt, wächst neben  Moosauge und Wintergrün auch das Moosglöckchen und das kleine Alpenglöcklein, besser bekannt als „Soldanelle“. Auch viele Primelarten, wie Felsenprimel, Mehlprimel und klebrige Primel (blauer Speik) gedeihen im Laaser Tal prächtig. 

Wichtig: Einige Kletter- und Wandertouren führen durch sogenanntes sensibles Gebiet. Es sind dies meist einsame Rückzugsorte, wo Tiere Ruhe suchen oder Brutgebiete. In diesen Gebieten sollte uns bewusst sein, dass wir uns dementsprechend benehmen. Es heißt hier z.B. ruhig sein (nicht schreien, keine laute Musik usw.) und sich nicht länger als unbedingt notwendig aufhalten. Dies ist besonders beim Biwakieren zu beachten. 

Auch beim eigentlichen Klettern in Felswänden trifft man auf Lebensräume, bzw. kann man kleine Tiere finden, die sich in Felsspalten, Löcher usw. zurückgezogen haben und Ruhe brauchen. Z.B. Fledermäuse oder auch Vögel (bes. Mauerläufer) und natürlich eine Vielzahl von Insekten. Auch dort verbieten sich Störungen.  

 Wir man sieht, gibt es im Laaser Tal vielfältiges, interessantes und schützenswertes Leben, überall, in der Luft, am und im Boden. Bemühen wir uns dies zu bewahren, damit unseren Kindern diese wunderbare Laasertalwelt erhalten bleibt!

(Text und Fotos: Walter Verdroß) 

Geologie

Südlich von Laas tritt neben mylonitisierten Glimmerschiefern, Paragneisen und Amphiboliten der überwiegend weiße Marmor an die Oberfläche (zusammen Laaser Einheit genannt). Das Laaser Marmorvorkommen gehört zu einer Linie weiterer vereinzelter Marmoreinlagerungen der Ortler-Alpen in südlicher Tallage des Vinschgaus, die unweit und parallel einer großen geologischen Störungslinie (Periadriatische Naht) angeordnet sind. Diese Marmorvorkommen sind als Band von Laas im Westen bis zum Pustertal im Osten zu verfolgen.
Diese mächtige Marmoreinlagerung an der Nordostflanke der Ortlergruppe – hauptsächlich die Jennwand betreffend – umfasst ein Vorkommen von etwa 500 Mio. Kubikmeter. Sie entstand vor 400 Mio. Jahren während der Variskischen Gebirgsbildung, als der im Norden von Afrika gelagerte Kalkstein durch die Kontinentalplattendrift in die Gegend von Laas transportiert wurde. Dabei wurde dieser Kalkstein durch Hitze und Druck in Marmor verwandelt. (© Wikipedia)

Detailierte Informationen zur Geologie der Jennwand und des Laaser Tals stellt uns freundlicher Weise Dr. Helmut Moser zur Verfügung:

Das Laaser Tal im Blickpunkt des Anthropozän

STEINE IM BACHBETT – Gesteine im Bachbett des Valdaunbaches